der Tagesbericht

Helferreise in den Südsudan
21. bis 27. September 2009

Ein Bericht von Andreas Archut


Ich war zu Besuch in Afrika. Wer hätte das gedacht? Keine acht Wochen vorher wäre mir die Idee nie gekommen, dass mich meine Wege mal auf den schwarzen Kontinent führen. Umso überraschender war ich, als mich mitten im die Anfrage des Diözesanvorstands erreichte, ob ich nicht mit einer Delegation für die Diözese in den Sudan reisen wolle. Ich nahm mir Bedenkzeit und sagte  zu. Darüber bin ich heute froh; denn die Reise hat mir völlig neue Perspektiven eröffnet, mich großartigen Menschen begegnen lassen, und meine Sicht auch auf mein eigenes Leben verändert.

„Malteser International“ heißt die Hilfsorganisation, die die Hilfsprojekte der nationalen Organisationen des Malteser-Ordens in aller Welt bündelt. Von Köln aus organisiert Malteser International Hilfsprojekte auf fünf Kontinenten. Der Diözesanvorstand der Malteser in der Erzdiözese Köln hat vor kurzem beschlossen, Malteser International mit einem jährlichen Obolus zu unterstützen. Die Kölner Malteser haben mit dem Generalsekretär von Malteser International, Ingo Radtke, vereinbart, dass die Projekte im Südsudan das „Patenkind“ der Diözese werden. Dort sind die Malteser vielfältiger Weise aktiv.

Gespaltenes Land

Der Südsudan gehört zur Republik Sudan. Im arabisch-islamisch geprägten Nordteil des Landes liegt die Hauptstadt Khartum. Im Süden des Landes leben vor allem dunkelhäutige Stämme (darunter die Dinka, Nuer und andere), die 30 Prozent der Bevölkerung stellen und hauptsächlich Anhänger verschiedener Naturreligionen und des Christentums sind. Der Sudan ist mit seinen 2,5 Millionen Quadratkilometern der größte Staat Afrikas, reicht von der Sahara im Norden bis zum tropischen Regenwald im Süden und gehört geographisch sowohl zu den Großräumen Nord- und Ostafrika als auch zu Zentralafrika.

Der Sudan ist seit der Kolonialzeit nie zur Ruhe gekommen. Zwischen der Nord- und der Südhälfte des Landes tobten jahrzehntelange Sezessionskriege. Die beiden Landeshälften wurden in den fünfziger Jahren zu einem Staatsgebilde zusammengeführt und unabhängig. Unmittelbar darauf begann der erste Bürgerkrieg, der sich bis in die frühen Siebziger Jahre hinzog. Der zweite Bürgerkrieg begann 1983 endete erst im Jahr 2005 mit einem Friedensabkommen. Darin wurde die Schaffung einer gegenüber dem Norden weitestgehend autonomen Region Südsudan vereinbart. Die Vereinten Nationen überwachen die Einhaltung des Friedens. Für das Jahr 2011 ist eine Abstimmung über die Unabhängigkeit des Südsudan vorgesehen.

Als Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen hatte die Zivilbevölkerung unter Hunger, Verschleppungen und Mord schwer zu leiden. Die Rede ist von zwei Millionen Toten und rund vier Millionen vertriebenen Südsudanesen. Die ohnehin spärliche Infrastruktur des Landes wurde während des Krieges weitgehend zerstört. Da auch die Landwirtschaft des Südsudan durch den Krieg stark beeinträchtigt wurde, ist die Ernährung der Bevölkerung aus eigener Kraft kaum möglich.

Erst langsam fassen die Menschen im Südsudan wieder Mut, und es stellt sich wieder so etwas wie ein geregeltes öffentliches Leben ein. Jedoch sind die Defizite, mit denen die Menschen ihren Alltag bewältigen müssen, offenkundig. Insbesondere die medizinische Versorgung ist noch sehr lückenhaft und in ländlichen Regionen noch schwächer ausgeprägt als in den großen Siedlungen.

Schwerpunkt der Arbeit der Malteser im Südsudan sind die Städte Rumbek, Maridi, Yei und die Hauptstadt Juba. Auch in der krisengeschüttelten Region Darfur sind sie aktiv. Büros und Projekte gibt es darüber hinaus in den Nachbarländern Kongo, Uganda und Kenia.

Als Musungu im Sudan

Ein „Musungu“ ist ein Fremder mit heller Hautfarbe. In den Dörfern des Südsudans sind solche Musungu nicht gerade ein alltäglicher Anblick. Kein Wunder, dass kleine Kinder mit offenen Augen und Mündern am Straßenrand stehen bleiben, wenn sie uns erblicken. Unsere Delegation besteht aus drei rheinischen Musungu, die allesamt noch nie einen weißen Fuß auf afrikanischen Boden gesetzt haben. Roland Hiob, Stadtbeauftragter der Malteser in Hilden, wird allenthalben mit großem Respekt empfangen, gilt den Einheimischen doch ein stattliches Profil in Verbindung mit grauen Schläfen als Zeichen von Macht, Reichtum und Wohlstand. Für die Malteser Jugend ist Daniel Kattwinkel mit an den River Yei gereist, um in der gleichnamigen Stadt die Malteser-Projekte zu besuchen. Ich selbst bin als Berichterstatter ausgesucht worden.

Weit kämen wir in Afrika wohl nicht, hätten wir nicht Ingo Radtke bei uns. Der Generalsekretär von Malteser International begleitet uns höchstpersönlich auf unserer siebentägigen Reise. Dabei erklärt er uns nicht nur geduldig die großen Linien und die kleinen Details der Malteser-Arbeit in und um Sudan, er achtet auch sehr fürsorglich auf uns, warnt vor interkulturellen Fallgruben, setzt eine kompromisslose Malaria-Prophylaxe durch und sorgt selbst unter schwierigsten Bedingungen für leckeres kühles Bier aus einheimischer Produktion.

Unser Auftritt im Sudan ist ein Spiel mit wechselnden Rollen: Zunächst als „Besichtiger“ angekündigt, werden wir schnell zu Besichtigten. Die Mitarbeiter vor Ort fragen sich wohl, was diese merkwürdigen blassen Gestalten aus dem fernen Deutschland hier wollen. Fünf internationale Mitarbeiter und rund 100 Einheimische beschäftigt Malteser International in Yei. Leiter des Programms ist der ugandische Arzt Dr. Joackin Drani. Auch die Südsudan-Koordinatorin Asja Hanano hat sich auf den Weg von Juba nach Yei gemacht. Sie ist Deutsche und war bereits in Myanmar für die Malteser tätig.

Die Begrüßung im Malteser-Compound von Yei fällt herzlich aus und ist von Respekt und vorsichtiger Neugier geprägt. „Sind das etwa Kontrolleure, die der oberste Chef da mitgebracht hatte?“ mag sich der eine oder andere gefragt haben. Auch Radtkes Anwesenheit ist ja nicht gerade eine Selbstverständlichkeit. Der Mann ist immerhin global verantwortlich und unterwegs. Und so erklärt Ingo Radtke immer wieder ausdauernd unseren Gesprächspartnern, dass wir drei ehrenamtliche Malteser aus der Erzdiözese Köln seien, Vorhut für die Hilfe von dort und stellvertretend für die vielen Kölner Malteser, die die Projekte im Sudan unterstützen wollen. Gute Paten interessieren sich eben für ihre Patenkinder. Dass nicht etwa „Funktionäre“, sondern „kleine Helfer“ die lange Reise unternommen haben, erstaunt unsere Gesprächspartner immer wieder. Doch mit dem Verständnis unserer Mission wächst auch die wechselseitige Anerkennung. Am Ende sind die Malteser-Mitarbeiter von Yei nicht weniger beeindruckt als ihre Besucher. Sie bedanken sich für die Energie, die ihnen unser Besuch beschert habe. Und auf einmal fühlen wir uns alle als Teil einer großen, weltweiten Malteser-Familie.
 
Der harte Kampf gegen die Tropenkrankheiten

Von der Arbeit der Malteser machen wir uns gleich nach unserer Ankunft selbst ein Bild: Bei einem Rundgang lernen wir das St. Bakhita-Gesundheitszentrum Yei kennen. Es ist aus verschiedenen Malteser-Projekten zur Bekämpfung von Tropenkrankheiten und HIV/AIDS hervorgegangen und nach Josephine Bakhita (1869- 1947), der ersten katholischen Heiligen des Sudan, benannt. Bis heute ist das Gesundheitszentrum für die Hunderttausend Menschen in der Region bei einer Infektion mit Tuberkulose, Schlafkrankheit oder Lepra nicht nur die letzte, sondern die einzige Chance.

Die Schlafkrankheit kommt in den tropischen Gebieten Afrikas vor. Nach der Infektion treten Fieber, Ödeme, Ausschlag und Juckreiz auf. Später prägen Verwirrtheit, Koordinations- und Schlafstörungen sowie Krampfanfälle die Symptomatik. Im Endstadium verfallen die Patienten in einen Dämmerzustand, der der Krankheit ihren Namen gab. Der Erreger ist ein Einzeller, der in Menschen und Tieren lebt und über den Stich der Tsetse-Fliege übertragen wird. Die Krankheit kann mit Medikamenten im Krankenhaus gut behandelt werden. Durch die lange instabile Lage hat sich die Schlafkrankheit im Sudan und anderenorts in den Tropen wieder stark ausgebreitet. Mit einem ausgedehnten Programm bekämpfen die Malteser die Krankheit in ihrem Fachkrankenhaus und mit einem mobilen Team. 2005 wurde außerdem ein Trainingscenter ins Leben gerufen, in dem Malteser-Personal und das medizinisches Personal anderer Organisationen und staatlicher Einrichtungen geschult wird. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Malteser-Laborschule in der Stadt Rumbek weiter nördlich. Hier werden Einheimische zu Laborassistenten ausgebildet.

Die Tuberkulose hat in den afrikanischen Krisengebieten leichtes Spiel. Da viele Menschen an HIV/AIDS erkrankt sind, überwinden Infektionskrankheiten, die schon fast als ausgestorben galten, das Immunsystem der Menschen. Ausführlich informieren wir uns in einem kreuzförmigen Gebäude des Gesundheitszentrums über die Bekämpfung von „TB“. Hier lernen wir zum Beispiel den 27-jährigen Justin Mario kennen, der sich unter der Obhut der Malteser noch immer von den Strapazen der Infektion erholt. Zuvor hatte er als Koch bei der Armee gearbeitet, erzählte er uns. Justin hat eine extrapulmonale Tuberkulose überstanden, bei der die Bakterien nicht die Lunge, sondern andere Organe befallen. Wenn alles gut geht, kann er in einigen Wochen wieder bei seiner Familie sein und will dann versuchen, seinen alten Job wiederzubekommen.

Für Leprakranke gibt es im St. Bakhita-Gesundheitszentrum ein eigenes Gebäude. Lepra ist eine seit der Antike bekannte Infektionskrankheit, die durch ein Bakterium ausgelöst wird. Zwar kann sie heute durch die Kombination mehrerer Antibiotika sehr gut behandelt werden, diese Medikamente sind jedoch in Entwicklungsländern häufig nicht verfügbar. Hinzu kommt die Stigmatisierung der Krankheit in der Bevölkerung, die sich kaum von biblischen Zeiten unterscheidet. So finden die Malteser in der Region Yei auf dem Gebiet der Leprahilfe ein weites Betätigungsfeld. Bei der Lepra sterben Nerven nach und nach ab, und es kommt zum Verschluss von Blutgefäßen. Die Folge ist zunächst ein Verlust jeglichen Gefühls für Kälte, Wärme und Schmerz. Ohne Behandlung verletzen sich Patienten oft unbemerkt und infizieren sich über die Wunden mit lebensgefährlichen Keimen. Infolge von Entzündungen können die betroffenen Körperteile absterben.

Die Krankheit ist im Frühstadium noch leicht zu heilen. Lässt sich die Infektion vom Betroffenen nicht mehr verheimlichen, sind Verstümmelungen und Amputationen oft bereits unausweichlich. So auch bei Maria, einer alten Frau aus der Umgebung von Yei. Ihr rechter Fuß muss demnächst abgenommen werden. Wie es danach für sie weitergeht, wollen wir von ihr wissen. Die Alte schaut uns traurig an und sagt dann bedächtig einige Worte in der Sprache ihres Stammes. Die Schwester übersetzt mit ausdrucksloser Miene: „Sie dankt den Maltesern für alles, was sie für sie tun werden.“ Die Worte hallen in uns noch lange nach, auch nachdem wir uns verabschiedet haben und gegangen sind. Unsere Hilfe ist wichtig, aber wir können nicht alle Probleme lösen. An Elend kann man sich vielleicht gewöhnen, aber sich damit abzufinden, ist eine ganz andere Sache. Bewegend ist die Begegnung mit den Armen und Kranken im „St. Bakhita Health Center“ in jedem Fall. Und so reift in uns die Überzeugung, daß es gut und wichtig ist, hier aktiv zu sein.

Hilfe zur Selbsthilfe

Die Malteser unterstützen die Gesundheitszentren der Diözesen Rumbek und Yei mit umfangreichen Tuberkulose- und Lepra-Kontrollprogrammen. Um die Menschen über Krankheiten und ihre Vermeidung aufzuklären, finden regelmäßig Gesundheitskurse statt.

Beeindruckt sind wir von der Ordnung und Sorgfalt, mit der die einheimischen Mitarbeiter das Gesundheitszentrum betreiben. Geradezu vorbildlich finden wir die Lagerhaltung in der Apotheke des Zentrums vor. Auch die Labore präsentieren sich uns weit über dem niedrigen regionalen Standard, von dem wir uns in den staatlichen Einrichtungen ein Bild machen konnten. Insofern verwundert es nicht, dass die Malteser medizinische Analysen möglichst in eigenen Laboren erstellen, um sich nicht auf staatliche Labore verlassen zu müssen. Im staatlichen Gesundheitszentrum berichtet man uns beispielsweise, dass die Kühlkette der Laborreagenzien wiederholt unterbrochen wurde. Die Tests werden trotzdem fortgesetzt.

Die in den Malteser-Projekten errichteten Diagnose- und Behandlungszentren für Tropenkrankheiten werden im Vergleich zu anderen staatlichen Einrichtungen auf einem hohen Niveau betrieben. Die beste Laboreinrichtung nützt jedoch nichts, wenn der Strom ausfällt. Kurz vor unserer Ankunft ist die Stromversorgung des Zentrums zusammengebrochen. Sowohl die mit Diesel betriebenen Generatoren als auch die Solarzellen sind ausgefallen, Ersatzteile können kurzfristig nicht beschafft werden. Da für viele Instrumente elektrischer Strom erforderlich ist, leidet der Betrieb erheblich.

Oberstes Ziel der Malteser Arbeit im Sudan ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Jedes Projekt ist so angelegt, dass es spätestens nach Ablauf einer gewissen Projektdauer in einheimische Hände übergehen kann. So haben die Malteser in Yei die Verantwortung für das Gesundheitszentrum an die örtliche Diözese abgegeben. Derzeit bereiten sie die Übergabe des Tuberkulose-Programms an das staatliche Krankenhaus von Yei vor. Die Schulung von Fachpersonal vor Ort dient ebenfalls dem Zweck der Schaffung örtlicher Kapazitäten. Das so genannte „Capacity building“ spielt eine Schlüsselrolle in der Malteser-Arbeit. In Yei ist Charles Birungi, der ursprünglich aus Uganda stammt, für das Capacity building zuständig. Er arbeitet Strategien aus, wie sich die Malteser-Projekte dauerhaft von einheimischen Träger fortführen lassen: „Indem wir unsere Programme in die Hände der Kirche und des lokalen Krankenhauses übergeben, stärken wir das Gefühl der Menschen hier, dass diese Projekte ihnen gehören. Und wir verbinden darüber hinaus Notfallhilfe mit Entwicklungsarbeit.“

Mit dem Projektmanager für Bauangelegenheiten, George Selle, besichtigen wir die fast fertige neue Tuberkulose-Station, die auf dem Gelände des städtischen Krankenhauses von Yei entsteht. Blütenrein strahlt die Cremefarbe der Wände. Noch hat das tropische Klima dem Neubau nicht zugesetzt, das nach einer Weile Biofilme auf den Wänden sprießen, Putz bröckeln und Farbe abplatzen lässt. Besonderes Highlight für unsere afrikanischen Begleiter: Schneeweiße Decken mit Strukturputz und edle Messinglampen findet man sonst nur in den Häusern der Reichen. „Ich finde, die Kranken, die hier Monate verbringen, sollen wenigstens eine schöne Decke anschauen können“, kommentiert der Generalsekretär das unerwartete Extra, die Einheimischen sind begeistert.

Unsere Kölner Delegation sieht sich sowohl im St. Bakhita-Gesundheitszentrum als auch im städtischen Krankenhaus genau um. Wir lassen uns auch die Aufklärungsarbeit der örtlichen Gesundheitsassistenten erklären. Die mobilen Trupps sind in den kleinen Ortschaften und Dörfern außerhalb von Yei unterwegs, um die einheimischen mit elementaren Informationen über Gesundheitsgefahren, Diagnose- und Therapiemöglichkeiten und Hygiene zu versorgen. Die Zusammenarbeit mit den örtlichen Anführern ist dabei besonders wichtig, denn nur wenn sie dem Anliegen der Helfer Nachdruck verleihen, kann man mit großer Akzeptanz im Dorf rechnen.

Landpartie mit Häuptling

Wir fahren mit den Maltesern raus aufs Land. Unterwegs sind wir mit robusten Geländewagen, wie alle Hilfsorganisationen sie hier benutzen. Die Wagen versagen auch dann nicht ihren Dienst, wenn ihnen das schlammige Wasser buchstäblich bis zum Hals steht. Unser Fahrer heißt doch tatsächlich John Rembo! – „Ja, fast wie der Filmstar!“ – Rembo fährt uns aber ganz sanft und sicher um die schlimmsten Schlaglöcher herum. Er kennt sie offenbar alle. Es geht langsam voran. Für die 20 Kilometer nach Lasu brauchen wir fast zwei Stunden. Die Fahrt führt uns durch Buschgebiete, über abenteuerliche Brückenkonstruktionen, die trübe, braune Rinnsale queren, durch dichte Teakholzwälder und vorbei an Flüchtlingslagern und Dörfern, die hier meistens aus den charakteristischen Rundhütten bestehen, die die Einheimischen „Tukuls“ nennen. Einmal begegnet uns ein LKW mit Soldaten aus Uganda, die hier Jagd auf Rebellen machen; ein kleiner Hinweis darauf, wie zerbrechlich der Friede ist, in dem die Menschen hier leben.

In Lasu haben die Malteser im Umfeld des örtlichen Gesundheitszentrums eine Anlaufstelle für Erkrankte und ihre Angehörigen errichtet. Der Dorfrat von Lasu hat sich schon im Freien versammelt, als wir das Dorf erreichen. Der Wortführer sitzt mit dem Gemeindevorsteher an einem Tisch, die Beisitzer und der Häuptling haben in zweiter Reihe Platz genommen. Der Häuptling trägt einen Hut mit Zebramuster und den traditionellen Häuptlingsstab. Das Reden überlässt er anderen. Der Rat hat offenbar beschlossen, den Besuchern aus dem fernen Deutschland gleich eine ganze Liste von Forderungen zu präsentieren – fragen kostet ja schließlich nichts. Geduldig hörten wir uns die vielen Wünsche und Bedürfnisse genau an, bevor wir respektvoll um Verständnis bitten, dass wir diese Probleme nicht lösen können. Immerhin: Die Beratungsstelle der Malteser in Lasu wird von der Bevölkerung gut angenommen und soll weiter bestehen.

Während unserer Besuche erfuhren wir viel über die zahlreichen Probleme der Menschen. Beklagenswert ist die Armut, augenfällig die schlechte Infrastruktur des Landes. Die große Hauptstraße quer durch Yei, die Kongo-Road, ist die Hauptverbindungsachse zwischen der südsudanesischen Hauptstadt Juba und dem Kongo. Die bucklige Lehmpiste mit zum Teil bis zu über einen Meter tiefen, wassergefüllten Schlaglöchern, kann nur mit äußerst robusten Geländewagen und geländegängigen LKW befahren werden. Die schweren Fahrzeuge ziehen gerade in der Regenzeit immer tiefere Furchen in die Lebensader der Region. Kurz vor unserer Ankunft hat Regierung in brachialer Weise begonnen, die Straße auszubauen: Mit dem Ziel, die Kongo-Road auszubauen, hatten die Behörden zunächst einmal die uralte Mangobaum-Allee fällen lassen, die jahrzehntelang das Zentrum von Yei geprägt hatte. Als wir vom Flugplatz in die Stadt fahren, liegen die Stämme der Baumriesen noch als traurige Gerippe rechts und links neben der Trasse.

Langsam gewöhnen wir uns an die für unser fremde Welt. Begeistert lassen wir uns am Abend von der Köchin des Malteser-Teams verwöhnen, die aus den in Yei verfügbaren Speisen Gemüse, Huhn und Rind ein fürstliches Mahl gezaubert hat. Einen Abend gibt es sogar extra für den Besuch aus Europa Spagetti – „Spagetti sudanese“ eben! Und selten schmeckte uns ein Bier so gut wie das afrikanische Export, dass jemand offenbar vom Markt organisiert hat. Erstaunlich, was es dort inzwischen wieder alles gibt! Am nächsten Tag schauen wir uns dort einmal um. Zwischen Stockfisch, Früchten und Getreide sind wir wieder die größte Attraktion.

Die Nacht verbringen wir in Gästezimmern des landwirtschaftlichen Ausbildungszentrums am Rande von Yei. Randvoll mit neuen Eindrücken fallen wir unter unseren blauen Moskitonetzen in einen tiefen Schlaf, der schon früh vom übereifrigen Hahn in der Nachbarschaft beendet wird. Am nächsten Morgen holte uns Rembo in aller Frühe ab. Frühstück gibt es im Malteser-Compound. Bei afrikanischem Tee, löslichem Kaffee und köstlichen Milchbrötchen stärken wir uns für einen weiteren Tag in der afrikanischen Realität.

Herzliche Begegnungen

Ein weiterer Höhepunkt unserer Weise ist der Besuch der katholischen Gemeinde von Yei, auf deren Gelände auch der Malteser-Komplex liegt. In der bescheidenen, aber einladend wirkenden bischöflichen Kathedrale nehmen wir an der Heiligen Messe teil. Als Gäste werden wir herzlich von der Gemeinde begrüßt und dürfen uns einzeln kurz vorstellen. Später nimmt sich Bischof Erkolano Lodu Tombe persönlich Zeit für uns. Er ist Chef der jüngsten Diözese des Sudan und für 240.000 Schäfchen verantwortlich. Rund ein Viertel der Bevölkerung des Großraums Yei ist katholisch. Der Bischof begrüßt das Engagement aus Deutschland, erzählt uns von der Zusammenarbeit mit den Maltesern und beschreibt die schwierigen Bedingungen, unter denen die Kirche im Südsudan tätig ist. Zum Abschied spendet er uns seinen Segen und gibt uns die Grüße der katholischen Kirche von Yei mit auf den Weg.

Weitere Stationen unserer Weise sind die Malteser-Büros in den Hauptstädten von Uganda und Kenia, Kampala und Nairobi. Die Büros haben vor allen Dingen die logistische Unterstützung der Malteser-Projekte in der Region zur Aufgabe. Sie können fast alles beschaffen, was vor Ort nicht zu bekommen ist. In Nairobi findet zudem ein wesentlicher Teil der Buchhaltung und des Verwendungsnachweises der Fördermittel diverser Geldgeber statt, ohne die die Malteser nicht arbeiten könnten.

Eine Woche, drei Länder und eine unheimliche Fülle von Eindrücken liegen inzwischen hinter uns. Dann heißt es für uns Abschied zu nehmen von Afrika. Wir sind als Fremde gekommen und verlassen Yei mit dem Gefühl, irgendwie zur Familie zu gehören. Zum Abschied fallen wir uns ein letztes Mal in die Arme in der Gewissheit, dass wir alle Teil einer großen Malteser-Familie sind. Man muss sich zwar nicht ständig sehen, aber man weiß, dass man füreinander da ist. Der Anfang ist gemacht.

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